Aus zwölf Betten wurde eine Klinik mit Strahlkraft
Was vor 30 Jahren mit zwölf Betten begann, ist heute eine weit über die Region hinaus anerkannte Fachklinik mit 190 Behandlungsplätzen. Beim Festakt zum 30-jährigen Bestehen der Psychosomatischen Fachklinik Simbach blickten die Rottal-Inn Kliniken auf diese Entwicklung zurück – im Mittelpunkt standen dabei vor allem die Menschen, die diesen Weg ermöglicht haben, und jene, die in Simbach Hilfe suchen und finden.
Vorstand Robert Koch begrüßte neben Landrat und Verwaltungsratsvorsitzendem Martin Koppmann, Bundestagsabgeordnetem Günter Baumgartner und Bürgermeister Klaus Schmid zahlreiche Mitglieder des Verwaltungsrates und des Kreistages, Vertreter aus Ärzteschaft und Gesundheitswesen sowie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach, die kurzfristig verhindert war, hatte ihre Grüße übermittelt. Koch würdigte, dass aus einer kleinen psychosomatischen Abteilung eine stark nachgefragte Akutklinik für Psychosomatik und Psychotherapie geworden sei – ein Wandel, der fachliche Überzeugung, Beharrlichkeit und Mut verlangt habe. Er hob die Aufbauarbeit des langjährigen Chefarztes Dr. Jürgen Gosda hervor, dessen Werk seit dem vergangenen Jahr von Chefarzt MUDr. Martin Ganzarcik fortgeführt wird. Zugleich stellte Koch klar: „Der Erfolg dieser Klinik ist niemals nur das Verdienst einzelner Personen. Er ist das Ergebnis der Arbeit einer gesamten Belegschaft.“ Ärztlicher Dienst, Pflege, Psychologie und Psychotherapie, therapeutische Berufsgruppen, Sozialdienst, Verwaltung, Reinigung, Küche und Haustechnik sorgten gemeinsam dafür, dass die Patientinnen und Patienten eine hochwertige und menschlich zugewandte Behandlung erhielten. Psychosomatische Medizin brauche Zeit, Vertrauen, fachliche Kompetenz und eine besonders enge Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen.
Landrat Martin Koppmann erinnerte daran, dass der Weg zur heutigen Fachklinik keineswegs geradlinig war: Vor drei Jahrzehnten sei unter anderem auch ein grenzüberschreitendes Krankenhaus mit Braunau diskutiert worden. Am Ende habe man sich für eine psychosomatische Fachklinik entschieden – „rückblickend war diese Entscheidung richtig“. Die Verantwortlichen hätten einen Bedarf erkannt, der in den folgenden Jahren weiterwachsen sollte. Damit sei nicht nur ein erfolgreicher medizinischer Schwerpunkt geschaffen, sondern auch eine wichtige Grundlage für die heutige Struktur der Rottal-Inn Kliniken gelegt worden. Der Verbund besitze mit der Akutversorgung in Eggenfelden, der Geriatrie in Pfarrkirchen und der Psychosomatik in Simbach klare Profile. Dies zeige, dass nicht jeder Standort alles anbieten müsse, um für die Bevölkerung unverzichtbar zu sein. Entscheidend seien starke Schwerpunkte und eine enge Zusammenarbeit. Koppmann machte zugleich deutlich, dass der Erfolg immer wieder neu erarbeitet werden müsse. Deshalb sei kontinuierlich in Gebäude, Ausstattung und gute Bedingungen für Behandlung und Therapie investiert worden. „Der Landkreis steht zu diesem Standort. Und er wird auch in Zukunft in seine Kliniken investieren.“
Menschen nicht als Fall betrachten
Bürgermeister Klaus Schmid dankte im Namen der Stadt und des Stadtrates allen Berufsgruppen der Klinik. Sie leisteten wertvolle Dienste für die Menschen in Simbach, im Landkreis und weit darüber hinaus. Patientinnen und Patienten ihre Gesundheit zurückzugeben, sei eine Aufgabe, die fachlich wie menschlich viel verlange. Entscheidend sei, den Patienten nicht lediglich als medizinischen Fall, sondern als ganzen Menschen zu betrachten. „Genau das wird hier in Simbach geleistet“, betonte Schmid.
Bundestagsabgeordneter Günter Baumgartner bezeichnete die psychosomatische Medizin als ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wichtig es sei, Körper und Seele gemeinsam zu betrachten. Psychische und psychosomatische Erkrankungen seien längst kein Randthema mehr und dürften es auch in der Gesundheitspolitik nicht sein. Angesichts der schwierigen Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung seien Veränderungen notwendig. „Sparen allein ist aber noch keine Reform“, stellte Baumgartner fest. Gebraucht würden weniger Bürokratie, effizientere Strukturen und eine bessere Verzahnung der Versorgung. Notwendige Reformen dürften jedoch nicht zulasten der Qualität gehen. Der Klinik und ihrer Belegschaft wünschte er weiterhin Kraft, Erfolg und Freude bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit.
Ein Weg mit vielen Umzügen
Pflegebereichsleiterin Sylvia Dorschel, die seit 1. März 1995 in Simbach tätig ist, schilderte die Entwicklung aus persönlicher Erfahrung. 1995 entstand im Rahmen der „Ersten Deutschen Modellklinik für Ganzheitliche Grundversorgung“ eine psychosomatische Abteilung mit zwölf Betten – zu einer Zeit, als über Depressionen, Angststörungen oder Erschöpfungserkrankungen noch deutlich weniger offen gesprochen wurde. 1996 übernahm Dr. Gosda die Leitung; das Angebot wuchs schrittweise um Naturheilkunde und Schmerztherapie. 2011 erhielt die Abteilung im Zuge der Neuordnung der drei Kreiskliniken den Status einer Fachklinik und wurde auf 120 Betten erweitert, später auf 190 Behandlungsplätze. Ein baulicher Meilenstein war der 2021 eingeweihte Anbau mit einem Investitionsvolumen von rund 9,27 Millionen Euro. Das Wachstum sei kein Selbstzweck gewesen, machte Dorschel deutlich. Es sei die Antwort auf einen tatsächlichen und weiter steigenden Bedarf gewesen. Zugleich habe sich das Therapiekonzept grundlegend weiterentwickelt. Aus einem zunächst stärker internistisch geprägten Ansatz sei ein differenziertes, integratives Behandlungskonzept entstanden, bei dem alle beteiligten Berufsgruppen intensiv zusammenarbeiten.
Psychologe Dietmar Röckle berichtete über die systematische Erfassung der Behandlungserfolge. Die Patientinnen und Patienten würden nicht nur unmittelbar nach der Entlassung befragt. Eine weitere Erhebung erfolge nach einem halben Jahr. Diese Katamnese zeige, ob die Behandlung auch langfristig wirke. Die Ergebnisse seien sehr erfreulich: Im Vergleich mit anderen psychosomatischen Kliniken liege Simbach bei den Behandlungserfolgen auf vorderen Plätzen.
Für die Zukunft werde zudem die ambulante Versorgung immer wichtiger. Die Psychosomatische Institutsambulanz werde deshalb schrittweise ausgebaut. Sie könne helfen, Patientinnen und Patienten früher zu erreichen, stationäre Aufenthalte vorzubereiten oder die weitere Begleitung nach einer Entlassung sicherzustellen.
Beziehungen als Teil der Medizin
Chefarzt MUDr. Martin Ganzarcik sprach von der „Beziehungsmedizin“, die in Simbach geleistet werde. Beziehungen prägten Menschen bereits von früher Kindheit an. Sie könnten Halt geben, aber auch Ursache von Verletzungen und langanhaltendem Leid sein. Deshalb spiele das Beziehungsgeschehen auch in der psychosomatischen Behandlung eine zentrale Rolle. Für die weitere Entwicklung wünsche er sich eine noch stärkere sektorenübergreifende Versorgung und eine enge Zusammenarbeit mit den somatischen Fachrichtungen der Rottal-Inn Kliniken. Psychische und körperliche Erkrankungen dürften nicht getrennt voneinander betrachtet werden.
Einen bleibenden Platz in der Klinik wird ein zum Jubiläum entstandenes Gemälde erhalten. Ein Kunstherapeut der Klinik hatte die Außenansicht des Gebäudes bewusst realistisch und „ungeschönt“ dargestellt. Zugleich verband er das Bild mit Gedanken über die Klinik als geschützten Therapieraum: Hinter den Fenstern stünden die Geschichten, Ängste, Hoffnungen und Kräfte der Patientinnen und Patienten.
Das Gemälde soll künftig das Foyer schmücken. Bei der Übergabe wurde zugleich an die Bedeutung der Kunsttherapie erinnert. Bilder entstünden oftmals in einem Bereich, der sich der Sprache zunächst entziehe. In der gemeinsamen Betrachtung könne etwas sichtbar und schließlich auch sagbar werden, wofür zuvor die Worte fehlten.
Bei anschließenden Führungen konnten die Gäste Therapieangebote wie Koordinationsübungen, Trommeln, Kunsttherapie und das bewegungsorientierte Morgenangebot „MURETAMO“ kennenlernen und teils selbst ausprobieren. Eine dem Anlass entsprechende Bewirtung und schöne musikalische Umrahmung durch Caroline Schmidt-Polex sowie viele persönliche Gespräche rundeten den Jubiläumstag ab – einen Tag, der sowohl Anlass zum stolzen Rückblick als auch zu einem zuversichtlichen Blick in die Zukunft bot.